Es ist später am Abend und an der Bar wird es langsam ruhiger. Ein paar Gäste sitzen noch bei ihren Getränken und irgendwo klappert ein Glas. Hinter dem Tresen räumt Finn auf. Er ist jung, Mitte zwanzig vielleicht, aus dem Ruhrgebiet und ziemlich flott unterwegs. Einer, der noch einen Spruch macht, während er schon die nächste Bestellung vorbereitet.
Bei dieser Begegnung kommen wir ins Reden. Erst über Cocktails. Dann über seinen Job. Und irgendwann über die Frage, wie viel Traum eigentlich im Traumjob auf See steckt.
„Du hast es ja eigentlich ganz gut getroffen“, sage ich. „Arbeiten und nebenbei die Welt sehen.“
Finn grinst. „Ja, dachte ich auch. Also, stimmt schon. Aber dieses nebenbei ist halt der schwierige Teil.“ Er stellt ein paar Gläser ins Regal. „Du bist irgendwo, wo andere Urlaub machen. Und du denkst: Wie cool ist das denn? Und dann liegst du in deiner Pause in deiner Kabine und pennst. Weil du einfach durch bist.“
Die Welt vor der Tür und trotzdem im Bett
Ob ihn das nicht ärgert, frage ich. Eine Hafenstadt zu verpassen, obwohl er praktisch direkt davor wohnt. „Am Anfang total! Da wollte ich immer raus. Egal, wie müde. Ich dachte, ich kann doch jetzt nicht hier liegen bleiben.“ Inzwischen sehe er das etwas entspannter. „Wenn du abends wieder hinter der Bar stehen musst, ist so ein bisschen Schlaf zwischendurch schon ziemlich geil. Klingt jetzt nicht nach Abenteuer, oder?“ Er lacht. „Aber manchmal passt es halt. Dann gehst du mit ein paar Leuten runter, holst dir irgendwo ein Bier, läufst rum. Sitzt plötzlich am Meer. Da denke ich schon: Okay, dafür bin ich hier.“ Es sind diese beiden Seiten, zwischen denen unser Gespräch immer wieder hin- und herpendelt. Finn findet vieles großartig. Und manches offensichtlich ziemlich anstrengend. Er versucht gar nicht, daraus ein einheitliches Urteil zu machen.
„Du bist fertig. Die Bar aber noch nicht.“
Ich will wissen, wie lange er an einem normalen Tag arbeitet. „So zehn, elf Stunden. Können auch zwölf werden. Mit Pausen dazwischen, also nicht komplett am Stück. Aber du bist schon gefühlt den ganzen Tag irgendwie im Dienst.“ Ob danach wirklich Schluss sei? „Na ja, wenn meine Schicht vorbei ist, muss vorher halt alles fertig sein. Du kannst ja nicht einfach den Lappen hinwerfen, während noch überall Zeug steht.“ Und freie Tage? Er schaut mich kurz an. „Du meinst so einen ganzen?“ Ich nicke. „Während des Einsatzes ist bei uns in dieser Geschichte jeden Tag Dienst. Du hast deine freien Stunden. Aber dieses: Morgen mache ich mal gar nichts, gibt's hier nicht. “Er überlegt einen Moment. „Ein voller Abend geht eigentlich. Da machst du einfach. Schwierig ist eher, wenn du morgens aufwachst und noch genauso müde bist wie beim Einschlafen.“ Für uns Gäste unterscheiden sich Seetag, Hafentag und daheim dann Arbeitstage und Wochenenden. Für Finn zählt vor allem, wann die nächste Schicht beginnt.
Mit der halben Welt zusammenleben
Trotzdem leuchten seine Augen auf, als wir auf die Crew zu sprechen kommen. „Die Leute sind schon mega. Also, nicht alle, logisch. Manche nerven auch.“ Er lacht. „Ich wahrscheinlich genauso.“ Er erzählt davon, wie schnell man sich kennenlernt, wenn man zusammen arbeitet, zusammen isst und sich auch nach Feierabend ständig begegnet. „Du hörst dauernd andere Sprachen. Einer zeigt dir Musik, die du noch nie gehört hast. Der Nächste erzählt von zu Hause, und du merkst erst mal, wie wenig du eigentlich weißt.“ Natürlich gebe es auch Missverständnisse. „Manchmal denkst du, jemand ist sauer. Dabei redet der einfach so. Oder du machst einen Witz, und alle gucken dich blöd an. Dann weißt du: Gut, der war jetzt wohl nur auf Deutsch lustig.“ Was ihm besonders gefalle, sei dieses schnelle Gefühl, irgendwo dazuzugehören. „Wenn es richtig voll wird und alle ziehen mit, ist das schon cool. Hinterher guckst du dich an und denkst: Alter, was war das denn gerade? Und dann lachst du drüber.“
Eine Kabine ist kein Rückzugsort, wenn schon jemand drin ist
Mit dem Zusammenleben sei das allerdings so eine Sache. Finn teilt seine kleine Kabine mit einem Kollegen. Viel Platz bleibt da nicht. Und vor allem selten das Gefühl, wirklich allein zu sein. „Mein Mitbewohner ist wirklich nett. Echt. Aber manchmal will ich einfach niemanden hören. Nicht reden, nicht nett sein, nichts. Einfach liegen.“ Das Problem: Vielleicht hat der andere gerade ein paar freie Stunden und möchte telefonieren. Oder kommt später zurück. Oder sucht im Dunkeln irgendwas, das garantiert in einer raschelnden Tüte steckt. Finn grinst wieder. „Und ich mache bestimmt genauso irgendwelchen Mist, wenn er schlafen will.“ Was ihm fehle, frage ich. „Tür zu. Ruhe. Mein eigenes Zimmer. Hätte vorher nicht gedacht, dass ich das mal so vermisse.“
Lächeln, obwohl dir gerade überhaupt nicht danach ist
Während wir reden, bestellt ein Gast noch etwas. Finn wendet sich ihm zu, ist aufmerksam, freundlich, sofort wieder im Arbeitsmodus. Als er zurückkommt, frage ich, ob ihn das manchmal Kraft kostet. „Klar. Wenn du gut drauf bist, läuft das von allein. Ich quatsche ja gern. Sonst wäre Bar vielleicht auch die falsche Idee gewesen.“ Aber es gebe eben auch andere Tage. „Du hast Stress mit jemandem zu Hause oder kriegst eine blöde Nachricht. Und dann gehst du raus und jemand sagt: Na, warum guckst du denn so? Lächel doch mal.“ Er zieht kurz die Augenbrauen hoch. „Ist wahrscheinlich nicht böse gemeint. Aber manchmal denke ich: Lass mich doch wenigstens kurz normal gucken.“ Krankheit sei dabei etwas anderes. Wer krank sei, müsse das melden und sich behandeln lassen können. Doch Müdigkeit, Heimweh oder ein schlechter Tag ließen sich nicht immer so einfach abgeben. „Man sagt dann schon schnell: Passt, geht noch. Auch weil du die anderen nicht hängen lassen willst. Ob das immer schlau ist? Keine Ahnung.“
Und was bleibt am Ende auf dem Konto?
Beim Geld wird Finn etwas zurückhaltender. „Also, reich werde ich hier nicht.“ Er lacht, aber diesmal nur kurz. „Du hast Essen und eine Kabine. Das hilft schon beim Sparen. Wenn ich zu Hause für alles zahlen müsste, wäre die Rechnung anders. Aber dafür arbeite ich hier auch echt viel.“ Eine konkrete Summe nennt er nicht. Sie würde ohnehin wenig erklären, ohne Vertrag, Abzüge, Trinkgeldregelung und die Zeiten zwischen den Einsätzen zu kennen. Ob er seine Bezahlung fair finde? „Manchmal denke ich: Geht schon, ich lege was zurück. Und manchmal rechne ich im Kopf aus, wie viele Stunden ich dafür hier stehe. Dann denke ich eher: Puh.“ Er wischt über die Arbeitsfläche. „Dieses ‚Dafür siehst du die Welt‘ ist schön. Aber deswegen kann die Arbeit ja nicht weniger wert sein.“
Was Gäste oft gar nicht merken
Ich frage ihn, welche Gäste ihm besonders in Erinnerung bleiben. „Die entspannten. Die dich anschauen und Hallo sagen, bevor sie bestellen.“ Das klingt nach einer erstaunlich niedrigen Hürde. „Ja, oder?“, sagt Finn. „Du musst mir keine riesige Freude machen. Wenn es voll ist, einfach kurz Geduld haben. Ich habe dich gesehen. Wirklich.“ Er habe nichts dagegen, wenn jemand ein falsches Getränk reklamiere. „Sag’s mir, dann mache ich es neu. Kein Ding. Aber dieses Fingerschnipsen … boah.“ Und Trinkgeld? „Freue ich mich drüber. Natürlich. Aber wenn mich vorher jemand zehn Minuten wie einen Idioten behandelt, macht ein Geldschein das jetzt auch nicht zu einer tollen Begegnung.“ Kurz darauf winkt ihm ein Gast zum Abschied zu und bedankt sich für den Abend. Finn winkt zurück. „So was meine ich. Ist doch eigentlich ganz einfach.“
Zu Hause passiert das Leben weiter
Am meisten vermisse er nicht die großen Feiern, erzählt Finn. Sondern seine Familie und die Freunde, diese spontanen Dinge, die früher selbstverständlich waren. „Ein Kumpel schreibt: Kommst du noch mit? Und du kannst halt nicht. Nicht heute und nächste Woche auch nicht.“ Natürlich könne er telefonieren und Nachrichten schreiben. Aber manchmal passten weder Uhrzeit noch Dienstplan. „Dann siehst du morgens die Fotos von gestern. Alle waren zusammen irgendwo. Du freust dich für die. Und denkst gleichzeitig: Wäre schon gern dabei gewesen.“ Ob er das vorher unterschätzt habe? „Komplett. Ich dachte, ich bin eh dauernd abgelenkt. Bin ich auch. Aber du kannst beschäftigt sein und trotzdem jemanden vermissen.“ Dann grinst er wieder. „Meine eigene Waschmaschine hätte ich übrigens auch nie auf die Liste gesetzt. Aber hier sind wir.“
Noch einen Vertrag? Vielleicht.
Die Frage, ob er es wieder machen würde, beantwortet Finn erstaunlich schnell. „Ja. Glaube schon.“ Dann hält er inne „Frag mich nicht direkt nach einer richtig vollen Schicht. Da sage ich vielleicht was anderes.“ Er möchte noch etwas von der Welt sehen, mag die Leute und hat das Gefühl, viel zu lernen. Gleichzeitig könne er sich gerade nicht vorstellen, auf Dauer so zu leben. „Irgendwann will ich wahrscheinlich wieder eine Wohnung, in der ich Platz habe. Und Freunde treffen, ohne Monate vorher zu überlegen, ob ich überhaupt da bin.“ Für den Moment sei er aber noch nicht fertig mit dem Meer. „Es gibt schon diese Augenblicke. Du gehst kurz raus, die Sonne geht gerade runter, und überall ist nur Wasser. Dann stehst du da und denkst: Schon ziemlich verrückt, dass das gerade mein Leben ist.“ Eine Bestellung kommt rein. Finn greift nach einem Glas. „Und dann will halt jemand einen Gin Tonic.“
An dieser Begegnung interessierte mich vor allem der Widerspruch: Ein Job kann aufregend sein, Menschen verbinden und neue Möglichkeiten eröffnen, und zugleich müde machen, schlecht zum Privatleben passen und finanziell weniger attraktiv sein, als er zunächst wirkt. Wie stark welche Seite wiegt, hängt vom Arbeitgeber, vom Vertrag, vom Team und vom Menschen selbst ab. Finn steht deshalb nicht für jede Crew und jedes Schiff.
Mein Gedanke für die nächste Kreuzfahrt bleibt trotzdem ganz konkret: Wer uns an der Bar gegenübersteht, hat einen eigenen Tag hinter sich. Vielleicht einen großartigen. Vielleicht einen ziemlich miesen. Ein freundlicher Umgang sollte nicht davon abhängen, ob das Lächeln gerade perfekt sitzt. Und faire Arbeitsbedingungen dürfen nicht allein davon abhängen, wie großzügig wir Trinkgeld geben.
Habt Ihr schon einmal mit Crewmitgliedern über ihren Alltag gesprochen? Was ist Euch davon besonders im Kopf geblieben?
Finn ist eine frei erfundene Figur, ebenso das hier erzählte Gespräch. Aber ich habe schon einige solcher Gespräche mit Crew-Mitgliedern so oder so ähnlich geführt. Diese Geschichte soll einen Blick auf die Erfahrungen der Menschen eröffnen, die uns an Bord begegnen und unseren Urlaub mitgestalten; mit ihrer Arbeit, ihrer Freundlichkeit und oft viel persönlichem Einsatz. Sie steht nicht für eine bestimmte Person oder Reederei, denn Arbeitsbedingungen und Erlebnisse unterscheiden sich. Aber hinter jedem Lächeln steckt ein Mensch mit seiner ganz eigenen Geschichte.
Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz erstellt.
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