Von Beinahe-Katastrophen bis zu geheimen Rückzugsorten

Eine Kreuzfahrt beginnt im Idealfall mit einem kühlen Drink in der Hand und dem sanften Tuten des Schiffshorns beim Auslaufen. Meine Reise mit der AIDAnova startete jedoch mit einem logistischen Albtraum, der selbst gestandene Kreuzfahrer ins Schwitzen bringt. Die Strecke von Hamburg nach Kiel sollte eigentlich ein Routine-Hüpfer sein, doch eine massive Oberleitungsstörung der Bahn legte den gesamten Verkehr lahm. Was folgt, ist die universelle Angst jedes Kreuzfahrers: Das Schiff liegt im Hafen, die Zeit rennt, und man selbst steckt fest. Nur ein sehr tiefer Griff ins Portemonnaie für ein rettendes Taxi ermöglichte es uns, das Terminal in Kiel noch rechtzeitig zu erreichen. Dort herrschte die sprichwörtliche „Hölle“, da tausende Passagiere mit ähnlichen Verspätungen kämpften. Der Puls beruhigte sich erst, als die Gangway unter den Füßen nachgab und das Abenteuer endlich beginnen konnte.

Wenn das Gesetz pausiert – Der Freistaat Christiania
Kopenhagen ist für die meisten Reisenden gleichbedeutend mit der „Kleinen Meerjungfrau“ oder der farbenfrohen Postkarten-Idylle des Nyhavn. Doch nur einen Steinwurf von den akkurat restaurierten Giebelhäusern entfernt wartet ein radikaler Kontrast: der Freistaat Christiania. Seit den 1970er Jahren besetzt diese autonome Gemeinde ein ehemaliges Kasernengelände und wird vom dänischen Staat als soziales Experiment geduldet. Der Übergang von der geordneten skandinavischen Metropole in die staubigen Wege Christianias ist ein sensorischer Schock. Besonders in der berüchtigten „Pusher Street“ spürt man, dass hier eigene Regeln gelten – und dass der klassische Tourismus an seine Grenzen stößt. „Ich konnte leider nicht so viel filmen, weil das hier nicht so gern gesehen und gewünscht ist. Denn hier werden unter anderem am helllichten Tag auch auf der Straße Drogen verkauft.“ 
Es ist faszinierend und gleichermaßen befremdlich zu beobachten, wie in Sichtweite polierter Paläste ein Ort existiert, an dem Filmen unerwünscht ist und der Handel mit weichen Drogen zum Alltag gehört. Eine Reflexion über Freiheit und staatliche Kontrolle, die man auf einer klassischen Kreuzfahrtroute so nicht erwartet.

Das 83-Meter-Gesetz von Brügge
Nach dem Anlegen im Industriehafen von Seebrügge und einer etwa 30-minütigen Busfahrt erreicht man Brügge – eine Stadt, die wie in der Zeit eingefroren wirkt. Als einstige Handelsmetropole des 14. Jahrhunderts hat sie ihren mittelalterlichen Kern fast unversehrt bewahrt. Das architektonische Epizentrum ist der Marktplatz mit dem imposanten Glockenturm, dem „Belfried“. Ein Detail für Kenner: Der Turm ist exakt 83 Meter hoch. Um das historische Stadtbild und die Dominanz dieses Wahrzeichens zu schützen, ist es bis heute gesetzlich verboten, in der Stadt höher zu bauen als dieser Turm. Während die Skyline somit im 14. Jahrhundert verharrt, pulsiert am Boden das Leben in Form von Schokoladen-Manufakturen und Waffelbäckereien. Es ist diese konsequente Bewahrung von Traditionen, die den besonderen Reiz von Brügge ausmacht und den Besucher in eine längst vergangene Ära der Hanse entführt.

Der Titanic-Stopp in Frankreich
Cherbourg in der Normandie versprüht einen ganz eigenen, herben Charme. Doch hinter der Fassade des historischen Hafen-Terminals verbirgt sich eine tiefe Melancholie. Cherbourg war eine der wenigen Stationen auf der schicksalhaften Jungfernfahrt der Titanic, bevor der Ocean Liner endgültig Kurs auf den Atlantik nahm. Direkt am Hafen befindet sich die „Cité de la Mer“. Ein Museum, das nicht nur durch seine 17 Aquarien mit über 1.000 Meeresbewohnern beeindruckt, sondern auch das gewaltige Atom-U-Boot „Le Redoutable“ beherbergt. Ich musste mich jedoch entscheiden: Aufgrund der extrem langen Warteschlange vor dem U-Boot ließ ich dieses links liegen, um mehr Zeit in der Titanic-Ausstellung zu verbringen. Inmitten der Urlaubsstimmung an Bord der modernen AIDAnova ist der Besuch dieses Ortes ein emotionaler Erdungspunkt, der einen daran erinnert, wie zerbrechlich die Sicherheit auf See einst war.

Architektonisches Deja-Vu auf Teneriffa
Beim Landgang in Santa Cruz de Tenerife stößt man am Ende der breiten Stadtpromenade auf ein Gebäude, das bei weitgereisten Kreuzfahrern sofort ein Gefühl des Wiedererkennens auslöst. Das „Auditorio de Tenerife“ mit seinem kühnen, weißen Betondach erinnert frappierend an die futuristischen Bauten in Spanien. Der Aha-Moment ist berechtigt: Es trägt die unverkennbare Handschrift von Santiago Calatrava. Derselbe Architekt entwarf auch das berühmte „Palau de les Arts Reina Sofía“ in Valencia. Es ist ein faszinierendes Beispiel für globale Architektur-Signaturen – Calatravas Stil schafft eine visuelle Brücke über tausende Kilometer hinweg. Wer beide Orte besucht hat, erkennt die fließenden Formen sofort als Markenzeichen eines Mannes, der die Grenzen der Statik immer wieder neu definiert.

Der „Geheimtipp“ gegen den Schiffs-Trubel
Die AIDAnova ist ein schwimmender Kosmos der Unterhaltung. Zwischen dem innovativen „Studio X“, dem spektakulären „Time Machine Dinner“ und den zahlreichen Pool-Partys kann die Dynamik an Bord für Ruhesuchende manchmal überwältigend sein. Wer eine kurze Auszeit vom Trubel benötigt, braucht einen Insider-Tipp. Mein Rückzugsort der Wahl ist die „Art Bar“ an der Kunstgalerie. Sie befindet sich ganz vorne im Bug des Schiffes. Während es in den zentralen Bereichen hoch hergeht, findet man hier meist eine Oase der Stille. Es ist der perfekte Ort, um mit der Familie in Ruhe Karten zu spielen oder einfach nur auf das Meer zu schauen, während der Rest des Schiffes bei Lasershows feiert. Es ist diese Balance zwischen maximalem Entertainment und stillen Winkeln, die ein Schiff dieser Größe erst bewohnbar macht.

Mehr als nur Wellen und Buffet
Diese Reise von Kiel bis auf die Kanaren war eine Lektion in Sachen Flexibilität. Nicht jeder Plan lässt sich in die Tat umsetzen: Die geplante Wanderung auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela scheiterte am unerbittlichen galizischen Dauerregen, und auf Teneriffa zwang uns eine Erkrankung zum Umdisponieren. Doch genau diese Momente führten zu neuen Entdeckungen – sei es die Erkundung der historischen Altstadt von A Coruña oder ein entspannter Nachmittag im botanischen Garten „Parque García Sanabria“ in Santa Cruz. Eine Kreuzfahrt ist am Ende weit mehr als die Summe ihrer Buffet-Gänge; sie ist eine Kette von unvorhersehbaren Erlebnissen und verborgenen Geschichten hinter den Fassaden der Hafenstädte.

Suchst du auf Reisen eher die klassischen Sehenswürdigkeiten oder die verborgenen, fast vergessenen Geschichten hinter den Fassaden?

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